Ranftler-Treffen

24. und 25. August 2002

in Söhle und Neutitschein

 

Söhle

Es begann an einem regnerischen Vormittag im Frühjahr 2001 im niederösterreichischen Weigelsdorf. Der Radausflug mit der Familie war abgesagt und der Autor dieses Berichtes machte wahr was er schon lange durchführen wollte: Er holte sich alle Ranftler-Adressen aus dem deutschen und österreichischen Telefonbuch und schrieb seinen Namensvettern und Namensbasen einen Brief: „Werte Ranftlers…“

Kontakte begannen, es wurde geschrieben und telefoniert. Langsam wuchs - verbreitet über Europa - das Bild einer großen Familie die einst in Söhle zuhause und zusammen war. Jetzt gibt es Ranftlers in Österreich, Deutschland , England und in der Türkei. Mehr als 12 Familien sind hier nachweislich miteinander verwandt. Daneben gibt es noch eine Reihe anderer Ranftlers, bei denen eine Verwandtschaft (noch) nicht erkennbar ist oder die auf diese Initiative nicht geantwortet haben. Mit den zunehmenden Informationen wuchs auch der Wunsch, sich doch persönlich kennenzulernen, eine Umfrage ergab Ort und Zeit für ein Treffen:

Söhle, der Ort der Vorfahren, und als Zeitpunkt: das letzte August-Wochenende 2002.

Dr. Kudelkova

Einer der Kontakte führte auch in die Stadtverwaltung von Novy Jicin (Neutitschein) zu Frau Dr. Zora Kudelková.

Sie schreibt über dieses Treffen:

 

Am Anfang der Vorbereitungsphase schien das angekündigte Familientreffen ein übliches, überall ab und zu ´mal vorkommendes Ereignis zu sein, jedoch je konkreter die organisatorischen Fragen wurden, desto stärker empfand ich, dass es für die meisten Familienangehörigen, die vielleicht nie von Nový Jicín etwas gehört haben, ein wichtiger Teil der "Stammgeschichte" darstellen mag.

 

Ich als "Aussenseiter" könnte jetzt schreiben, wie schön und beeindruckend ich das Treffen fand, wie nützlich es für jüngere Generation ist, andere Verwandte kennenzulernen, ja sogar gemeinsam mit den Eltern zu erfahren, wo ein Teil ihrer Vorfahren hergekommen ist ... Wenn dieser Besuch jedoch in einen breiteren Rahmen eingesetzt würde, sollte man wohl auch weitgehendere Zusammenhänge sehen. Eben solche Begegnungen stellen ein echtes "Politikum" dar, d.h. von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes abgeleitet und Stadt, Menschen, Kultur, Landschaft und soziale Kontakte betreffend. Es ist schön, dass es so alltäglich ausgesehen hat. Dann droht keine Gefahr, solch ein Geschehnis zu grossen Worten und journalistischen Inflationsphrasen zu missbrauchen. Mir gefällt die Selbstverständlichkeit, mit der sich Österreicher, Deutsche, Engländer und Tschechen in Nový Jicín getroffen und dadurch gerade die entgegenkommende, normale, "gelebte" Politik betont haben. Ich wage zu vermuten, dass alle Teilnehmer des "Ranftler-Treffens" ein echtes Gefühl des Beisammenseins erleben konnten - sie kannten sich einander und zugleich lernten sie sich kennen. Vielleicht bedeutete es für jemanden auch eine gewisse intuitive Verankerung. Und mag es auch nur einmalig sein, dann war es in unserer unruhigen Welt mit den sich immer mehr relativisierenden Werten nicht wenig. Ich bedanke mich für die Einladung, dabei sein zu dürfen.

Zora Kudelková

 

Das Treffen selbst begann am Samstag Nachmittag im Hotel in Neutitschein. Da kamen sie die Ranftlers, insgesamt 26. Man sah sich an (...ja, das ist eine Ranftler-Statur..), packte seine Englisch-Kenntnisse wieder aus, zeigte Fotos, verglich Pläne.

Hier sei das über Herrn Herbert Schustek in Malsch (Patengemeinde von Söhle) erhältliche Buch über den Ort (incl. Plan) lobend hervorgehoben!

Es gab gleich viel zu erzählen, Zusammenhänge herzustellen, Erinnerungen wachzurufen. Um 16 Uhr führte uns Frau Dr. Kudelkova durch die Stadt Novy Jicin. Historisches und Neues wurde präsentiert und vor allem: Dr. Kudelkova erwies sich in ihrer freundlich-intellektuellen Art als ideale Gesprächspartnerin, Historikerin, humaner und realer Anknüpfungspunkt an die „Alte Heimat“. Grundtenor dieser Stunden war: Friedliche Koexistenz ist nötig und möglich, erfordert aber von allen Seiten eine aktive Bereitschaft.

Der Abend verlief mit gegenseitigem Vorstellen und Erzählen. Man hatte im Hotel einen eigenen Raum zur Verfügung gestellt. Von den Menschen, die sich hier trafen waren nur noch Wenige vom persönlichen Schicksal der Vertreibung betroffen. Man wußte zwar.. aber das Treffen war aus Neugierde entstanden. Neugierde am Rest der Familie, Neugierde am historischen Ort - und die wurde teilweise an diesem Abend gestillt. Der andere Teil der Neugierde wurde am Sonntag beim Spaziergang durch Söhle, dem eigentlichen Ort des Interesses, gestillt.

 

Söhle ist ein etwa 4 km langes Dorf, durchflossen von der Titsch. Ein schmales Dorf, das an beiden Ufern des Flüßchens nur wenig Platz zum Siedeln gibt. Hier reiht sich Wohnhaus an Schulhaus an Bauernhaus an Kirche und wieder an Bauernhaus. Unterbrochen gelegentlich von einer Brücke, einer Wiese auch von diversen Firmengeländen – so hat etwa eine der bekannten Hutfabriken Neutitscheins in Söhle seit jeher einen Standort.

O-Ton Maria Ranftler (Siram): "Man wusste damals (vor 1945) anhand der Farbe der Titsch, welche Hüte gerade gefertigt wurden..."

 

Am Friedhof hatte die Stadtverwaltung drei erhaltene Grabsteine neu restauriert und aufgestellt.

 

Einige der historischen Ranftler-Häuser konnten bei diesem Spaziergang fast im Originalzustand identifiziert werden, andere mußten neuen Siedlungsplänen weichen.

Auch die Kirche Söhles wurde in den letzten Jahren renoviert.
Der Tag war sehr heiss, der Spaziergang anstrengend. So bildete den Abschluss des Treffens ein erfrischendes Fußbad in der Titsch. Die Kinder übten sich im Fischefangen, die Erwachsenen freuten sich an der Abkühlung. Nach einem Mittagessen in einem typisch walachischen Restaurant traten alle ihren Heimweg an.
Ing. Martin Ranftler